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Die Statik des trägerlosen Abendkleides Eine Polemik |
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"Das geht aber wirklich zu weit! Das ist ja Philosophie", empörte sich der Doktorand der Physik über die Studentin, die über die Bedeutung der Messungen diskutieren wollte. "Sie müssen das verstehen", sagte der Professor der Ingenieurwissenschaften fürsorglich zur Antragstellerin, "wir müssen bei den Nebenfächern darauf achten, keins dieser - Sie wissen schon - Laberfächer zuzulassen. Die wählen die Studenten nur, weil sie da so leicht ihren Schein bekommen." Ja, das waren Zeiten! Damals vor fünf Jahren, als Naturwissenschaftler noch hochverehrte, zerzauselte, allein von der Formel lebende Männer sein durften, streng darauf bedacht, die Niederungen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu meiden. Damals, als der Herr Ingenieur in der Uni noch auf seine Rolle als einsamer Entscheider und ölverschmierter Held vorbereitet werden durfte. Oder war schon das ein fatales Mißverständnis? Ein Mißverständnis, das letztlich zur Halbierung der Studienanfänger in den harten Ingenieur- und den Naturwissenschaften geführt hat? Das den Frauenanteil in diesen Bereichen in Deutschland auf europaweit rekordverdächtig niedrigem Niveau hält? Ein Mißverständnis, das die Industrie das große Wehklagen anstimmen läßt über die mangelnden "Soft Skills" der Nachwuchsingenieure? Ein Mißverständnis, das dazu geführt hat, daß drei Viertel dieser Absolventen bei sich selbst Defizite beim fachübergreifenden Denken und der Kommunikationsfähigkeit feststellen? Vom Emanzen- zum Standortproblem Hätten die Hüter der "exakten Wissenschaften" auf die Frauen gehört; es wäre wohl nicht so weit gekommen. Daß sie das nicht taten, hängt freilich auch damit zusammen, daß Frauen, auf die sie hätten hören sollen, kaum jemals ihre Sphären kreuzten - als eine Folge des Mißverständnisses. Nun gibt niemand freiwillig Land her, das er sich einmal erobert hat, aber von freiwillig ist inzwischen auch keine Rede mehr. Die Frage, wie der Kreislauf "unattraktives Studium - keine Frauen" durchbrochen werden kann, hat vielmehr standortpolitische Dimensionen angenommen. Leider erweist sich dieser Kreis als fast hoffnungslos stabil, und wenn SIE sich etwa nach dem Abi gegen ein Ingenieurstudium entscheidet, ist sie oft schon drin gefangen. Denn beinahe makellos männlich ist das Ansehen des Ingenieurs hierzulande. Die Deutschen weisen dem Berufsbild "Ingenieur" nun mal all die Eigenschaften zu, die auch zum klassichen Rollenbild des Mannes gehören. Ob nun Ursache oder Folge: Hierzulande treffen im Studium 20 Maschinenbauer und E-Techniker auf gerade mal eine Frau. Selbst in Griechenland, Portugal und Irland sind es mehr. In Deutschland braucht niemand laut zu sagen, Frauen könnten nicht, was Männer können. Es reicht, daß man weiß: Der Ingenieur ist dominant, rational, entscheidungsfreudig; kurz, er ist ein ganzer Mann. Folgerichtig müssen angehende Ingenieurinnen mit Vermännlichung rechnen und damit, daß nicht nur der Herr Ingenieur privat lieber auf "echte" Frauen zurückgreift. Kompetente Mannweiber Ein Image, statistisch belegt und bisher durchaus praktisch für seine Besitzstandswahrung. Denn Mädchen legen im allgemeinen keinen Wert darauf, im Studium ein ganzer Mann zu werden und verzichten. Wagen sie´s doch, haben sie oft nur die Wahl, sich als "inkompetente Frau oder kompetentes Mannweib" zu verkaufen, wie es Kira Stein, die selbst seit 20 Jahren als Maschinenbauingenieurin arbeitet, in ihren Untersuchungen auf den Punkt bringt. Die Männer also bleiben (fast) unter sich, und das Studium bleibt, wie es im Prinzip seit 100 Jahren ist: Die Technische Mechanik lehrt technische Mechanik, die Physik Physik und die Werkstoffkunde Werkstoffkunde. Wie und ob das zusammenpaßt, das wollen sie und er - die Studenten - schon bald gar nicht mehr wissen, denn es ist genug zu tun, die Fragmente abrufbereit für die Klausuren in den Schädel zu hämmern. Die Berichte, die im Werkstoffkunde-Praktikum anzufertigen sind, seien die üblichen Überprüfungen oder Schikanen, glauben sie. Daß es darum geht, die Erstellung eines technischen Berichts einzuüben - das ist eine völlig neue Erklärung. Vielleicht hat die auch der Prof schon vor Jahren vergessen. Begeisterte Jungingenieure Der Studentin machen die sinnbefreiten Fragmente des Studiums besonders zu schaffen. Ob es nicht möglich sei, mal über die praktischen Folgerungen der Formalismen zu sprechen, fragt sie nach der Vorlesung und wird auf die Weihnachtsvorlesung vertröstet. Zu Weihnachten bewundert sie aber zunächst mal die Zeichenkünste des Professors für Technische Mechanik. Der doziert über die Statik des trägerlosen Abendkleides, dargestellt an der aus flüssiger Hand hingekurvten Tafelskizze. Die Rundungen sind perfekt, prustend und schreiend liegen 200 Jungingenieure über den Tischen. Leider fällt ihr zu dieser fachübergreifenden Veranstaltung keine ganz angemessene Reaktion ein. Sie und ihre vier Kommilitoninnen blicken sich das Szenario verunsichert an, sind Exoten, Minderheiten. Klar kann dieser Status an der Uni - in beruflichen Männerhierarchien später nicht mehr - auch ganz vorteilhaft sein. Und solche Spielchen sind letztlich nicht entscheidend für hartnäckige Abstinenz der Frauen. Das sind vielmehr jene Konflikte, die sich aus den männlichen Rollenbildern ergeben, und der unverändert auf typisch männliche (?) Lernweisen und veraltete Berufsbilder abgestimmte Lehrplan. Der geradlinige, einsame Weg führt zur Lösung einer isoliert formulierten Aufgabe, Sinn und Zweck sind nebensächlich. Typisch weiblich (?) wäre der Blick fürs Ganze, das Problembewußtsein und die Teamarbeit. Nun gab es immer schon Nörgler aus den eigenen Reihen, männlich wie weiblich, die nach Interdisziplinarität schrien und nach Anwendungsbezug, die die Studienordnung ändern und mehr Ökologie wollten. Aber genau wie die Frauen, die sich ständig beklagten, daß so wenige ihres Geschlechts es wagten, Ingenieurin oder Physikerin zu werden, konnten sie dem traditionellen Studium nicht viel anhaben. Auch die Versuche, mit Schnupper-, Technik- und Computerkursen die Mädchen zu ködern, halfen nichts. Und in den neuen Bundesländern, die in Sachen Frauen und Technik mit ihren Quoten Vorbild hätten sein können, passen sich die Zahlen zügig den westdeutschen an. Eingeschworen auf die Strapaze der reinen Technik Sie wollten den gesellschaftlichen, lebensweltlichen Zusammenhang, sie wollten Praxisnähe, hatten die Frauen gerufen und die Studiengänge gestürmt, die sich mit Umweltschutz, Landschaftsplanung und Bauen beschäftigen. Die Bastionen der reinen Ingenieurausbildung ließ das kalt. Sollten sich die Frauen doch mit soften und anspruchslosen Fächern umgeben und diskutieren, so viel sie wollten. Der stahlharte Ingenieur ward auf die Strapaze der reinen Technik eingeschworen. Schließlich winkten Ehre und Karriere. Daß es eben diese Karrierelust war und keinesfalls die Begeisterung fürs Studium, die die (männlichen) Studenten durchs harte Studium trieb, offenbarte sich Anfang der neunziger, als der Arbeitsmarkt erstmalig düster aussah. Ohne Aussicht auf die große Karriere erkaltete da die Liebe zur reinen Technik abrupt: Die Zahl der Studienanfänger Elektrotechnik halbierte sich innerhalb von sechs Jahren; der Verband deutscher Elektrotechniker sieht inzwischen gar den Technologiestandort Deutschland in Gefahr. Aber die Ingenieure in spe machen sich weiterhin rar. Studentenschwund ähnlichen Ausmaßes verzeichnen die Maschinenbauer, Chemiker und Physiker. Industrie und Frauen mit gleichen Zielen Und unbarmherzig zeigt sich auch die Industrie. Den Absolventen mangele es keinesfalls an Fachkompetenz. Traurig fällt allein das Urteil über die Persönlichkeit der Bewerber aus. Fast immer seien - im weitesten Sinne - mangelnde soziale und kommunikative Fähigkeiten der Grund eines Scheiterns. Qualitäten also, denen sich die Hochschulen so mannhaft erwehrt hatten. Es gebe keine Nische mehr, in der allein mit Fachkompetenz zu überwintern sei. Gesucht wird der charmante Verhandlungspartner, der kompromißfähige Teamworker, das motivierende Allroundtalent mit betrieblichem Überblick und gesellschaftlicher Weitsicht. Ansichten, die Fachfrauen seit vielen Jahren vertreten, kommen zu unerwarteter Ehre, jetzt, wo große Vereine wie der VDI, der VDE und die Ministerien den Notstand ausgerufen haben. Da geht´s vor allem den ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichen an den Kragen. So sehr, daß Kritik nicht mehr ignoriert werden kann. Schließlich sind es nicht nur die schlechten Noten von der Industrie und den Studenten - derartig rückläufige Studentenzahlen gefährden Stellen. Und in den Ingenieurwissenschaften gibt es mehr Professoren als in jedem anderen Bereich - noch. Schon wird etwa in Dortmund die "gerechte" Aufteilung der knappen Diplomanden auf vorhandene Lehrstühle geplant. Quotierung mal anders. Nicht zur reinen Schadensbegrenzung, sondern für tatsächliche Reformen werden Studien erstellt und zahlreiche Modellprojekte in Angriff genommen. Eins haben sie alle gemeinsam: Die Frage, wie das Studium zu verbessern ist, zielt immer auch auf die Frage, wie mehr Frauen zu gewinnen sind. Die neue Einsicht ist verwunderlich: Was für Frauen gut ist, ist auch für die Industrie gut. Und für Männer. Nur der Herr Doktor rer. nat. und sein Kollege, der Herr Ingenieur, werden weiter aus dem Elfenbeinturm winken, die Lehre von der reinen Wissenschaft predigen und einsam ihre Entscheidungen treffen. |
Die ZEIT
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