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In Freiburg wird dem Außergewöhnlichen wissenschaftlich zu Leibe gerückt
Wenn der Glaube |
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Ein riesiger Felsblock schwebt einige Meter hoch in der Luft. Nur zwei Zimmer weiter sitzt eine Frau mit geballten Fäusten vor einem Computer und redet eindringlich auf den Bildschirm ein. Der Blick in die Räume des Freiburger Insitituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene offenbart Merkwürdiges, aber wir sind ja inzwischen einiges gewohnt. Akte X und Psi-Faktoren, Klone, Ufos, böse Geister - die modernen schönen Schauer für den Fernsehabend. In Freiburg - zugegeben - lehnt der schwebende Fels nur recht zweidimensional an der Wand und läßt vermuten, daß Psychologe Holger Bösch eine Vorliebe für surrealistische Gemälde von René Magritte hat. Das Szenario vor dem PC allerdings ist echt. Parapsychologischer Alltag. "Stellen Sie sich auf den Kopf, was immer Sie für sinnvoll halten." "Versuchen Sie einfach, den Linienverlauf zu beeinflussen", hieß die Anweisung zu dem Versuch: Auf dem Computerbildschirm läuft eine Linie in kleinen Schritten von links nach rechts. Diese Schritte zappeln mal nach unten, mal nach oben. Grund dafür ist ein Zufallsgenerator, der das weiße Rauschen einer Diode in eine zufällige Folge von Signalen verwandelt. Diese Signale steuern die senkrechte Bewegung der Linie auf dem Bildschirm. Und wie beeinflussen - ohne Cursor, ohne Maus? Allein der Wille der Testperson soll den Zufall überlisten und die Linie jeweils in die vorgebene Richtung lenken. "Tun Sie, was Sie wollen, stellen Sie sich auf den Kopf, legen Sie sich unter den Tisch, was immer Sie für sinnvoll halten." Der Versuch gehört zu einer Testreihe zur "Mind-Machine-Interaction". Was hier untersucht werden soll, wird auch als Psychokinese, kurz PK bezeichnet. Für Schlagzeilen taugt PK dann, wenn Tische oder Stühle durch die Gegend fliegen, scheinbar allein durch geistige Prozesse in Bewegung gesetzt. Dann redet man auch von Spuk. Solche extremen Ereignisse stehen in Freiburg aber nicht im Mittelpunkt der Forschung. Sie entziehen sich weitgehend einer wissenschaftlichen Behandlung. Unter anderem deshalb, weil sie kaum reproduzierbar sind. Innere Spannungen führen zu äußeren Phänomenen Menschen, die "Spuk" erleben, sind dennoch an der richtigen Adresse in dem durch eine Stiftung finanzierten Institut, das 1950 von Hans Bender gegründet wurde. Bender ist populärer, aber auch sehr umstrittener Wegbereiter der parapsychologischen Forschung in Deutschland. In Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg bieten Psychologen, genau im Flur gegenüber, seit April 96 ihre Beratung an. Menschen, die etwa Todesfälle vorausgeträumt haben, die durch unerklärliche Klopfgeräusche und Schritte in ihrer Wohnung verunsichert sind, können dort Hilfe finden. "Wir glauben diesen Menschen ihr subjektives Erleben", beschreibt Annette Wiedemer ihre Haltung. Ihre These lautet: Innere Spannungen führen zu äußeren Phänomenen. So könnten etwa Ansätze von multiplen Persönlichkeiten dazu führen, daß Menschen Dinge tun, die sie hinterher nicht mehr wissen und über deren Konsequenzen sie dann erschrecken. "Der menschliche Geist ist für alles mögliche zuständig. An Geister glauben wir im Institut eigentlich nicht." Sie gibt aber zu, daß oft ein Rest Unerklärbares bleibt. Wenn Teekessel sprechen Manchmal fährt sie mit Eberhard Bauer, Pressesprecher des Instituts und ebenfalls Psychologe, an den Ort des Geschehens. Ein Vergleich mit den Ghostbusters lockt nur noch ein gequältes Grinsen auf Bauers Gesicht. Das Ziel ist es eben nicht, grüne Männchen einzufangen, sondern psychologische Ursachen der Phänomene zu erkennen. Das sind häufig familiäre Spannungen, die sich auf diesem Weg ein Ventil suchen. Manchmal erweist sich Unheimliches als simpler physikalischer Effekt, etwa wenn ein starker Radiosender einen Teekessel zum Sprechen bringt. Manchmal gibt es keine Erklärung. Bauer bestätigt: "Man muß diese kognitive Dissonanz aushalten können" - will heißen: Parapsychologen müssen damit leben, daß sie auch mit Dingen zu tun haben, die sie (noch) nicht verstehen können. Aber zurück zur gezielten Erforschung der Psychokinese. Vorausgesetzt es gibt Psychokinese, dann sei es wissenschaftlicher, so Holger Bösch, sie als grundsätzlich vorhandene Fähigkeit aller Menschen zu untersuchen, als sich auf einige "Stars" zu beschränken. Als Testpersonen für die "Mind-machine-interaction" sind also auch Skeptiker gefragt. Das Testergebnis der Autorin, die Linie je zehnmal nach oben, nach unten oder gar nicht abzudenken - mal mit gutem Zureden, mal mit Konzentration bei geschlossenen Augen, fällt ermutigend aus. Das Gesamtergebnis aus den 30 Versuchen zeigt deutlich die angestrebte Tendenz. 54.000 Fälschungen im Papierkorb Ist das ein Hinweis auf besondere Begabung, bestätigt es PK? Psychologe Bösch bleibt unbeeindruckt. Auch sechsmal hintereinander eine Sechs zu würfeln kann schlicht Glück sein. Ohne lange Testreihen und statistische Kleinarbeit läßt sich keine Aussage treffen, ob Abweichungen doch eher Zufall sind oder ob man man von einem echten Effekt ausgehen kann. Eine Analyse aller 597 bis 1987 publizierten wissenschaftlichen Experimente habe gezeigt, daß PK zwar ein schwacher, aber durchaus robuster Effekt ist. Der promovierte Physiker und Psychologe Walter von Lucadou verdeutlicht das Ergebnis dieser Analyse in seinem Buch über Psychokineseforschung: Wollte man annehmen, daß das positive Endergebnis allein dadurch zustande kommt, daß nur günstige Resultate veröffentlicht werden, während die anderen im Papierkorb landen, dann müßten mindestens 54.000 ungünstige Experimente versteckt worden sein. Von Lucadou betrachtet diese Annahme als vollkommen unrealistisch. Die Testreihen seien so aufwendig und teuer, daß eine so große Anzahl Versuche niemals unbemerkt hätte durchgeführt werden können. In Freiburg verwendet man also keine Testreihen allein darauf, den Effekt einmal mehr zu bestätigen, sondern versucht, dem Wie und Warum auf die Spur zu kommen: Welche psychologischen Eigenschaften sind günstig? Bisher gilt als gesichert, daß der Glaube an die eigenen Fähigkeit das Ergebnis positiv beeinflußt. Bei skeptischen Leuten gibt es dagegen häufig ein signifikantes Ergebnis in die entgegengesetzte Richtung - vermutlich kehren sie unbewußt die Anweisungen um. Gehemmte, depressive Personen scheinen schlechtere Ergebnisse zu erzielen als gesellige, ausgeglichene. Alles wird möglich: Einfluß aus dem Nebenzimmer Auch die unmittelbaren Auswirkungen eines erfolgreichen Ablenkungsversuchs scheinen die Ergebnisse zu beeinflussen: Sitzt etwa eine Testperson in einem kalten Zimmer und versucht, einen Zufallsgenerator zu beeinflussen, der einen Heizstrahler an- und ausschaltet, dann "wärmt" ein möglicher Erfolg und bekommt damit eine größere Bedeutung. Ganz viele Fragezeichen stehen noch hinter der Frage, wie weit sich der Einfluß ausdehnen läßt. Kann der Experimentator nebenan möglicherweise mit seinem Willen das Ergebnis beeinflussen? Welche räumlichen und zeitlichen Grenzen gibt es überhaupt? Der maximalen Breite und Stärke des Einflusses versucht Fortini Pallikari, Physikerin an der Uni Athen, mit einem physikalischen Modell auf die Spur zu kommen. Auch eine Forschungsgruppe an der Universität Princeton, die mit dem Freiburger Institut zusammenarbeitet, kümmert sich um die physikalische Seite der Tests; der Zufallsgenerator etwa wurde dort entwickelt. Das Zusammenspiel von Psyche und Physik könnte neue Perspektiven eröffnen - es wirft aber auch eine Unmenge neuer Fragen auf. Denn natürlich gibt es für diesen Effekt kein etabliertes naturwissenschaftliches Modell. Um aber mit Meßergebnissen überhaupt etwas anfangen zu können, brauchen Forscher ein Modell. Selbst wenn man glaubt, ohne auszukommen, macht man sich Bilder. Etwa dann, wenn man bei Psychokinese-Experimenten wie selbstverständlich annimmt, daß der Wille das Rauschen verändert. Bösch verneint dies. Das hieße nämlich, daß im zufälligen Verlauf des Signals ein Muster, eine Spur zu erkennen wäre. Die Analyse habe bisher kein solches Muster ergeben. Keine Hinweise also, daß sich etwa das Verhalten der Diode durch den Willen geändert hätte. Wirkung ohne Ursache - das Problem mit dem Kausalitätsprinzip Veständlicher wird das Problem vielleicht in folgendem einfachen Beispiel. Jemand denkt an einen entfernten Bekannten, dann klingelt tatsächlich das Telefon, und diese Person meldet sich. Dieses Zusammentreffen zweier Ergeignisse könnte nun reiner Zufall sein - bei den PK-Experimenten spricht die Statistik dagegen. Ist es also kein Zufall, könnte man annehmen, daß die Gedanken den fernen Anrufer über irgendeine Fernwirkung beeinflußt haben - bei der PK spricht gegen dieses Modell die fehlende "Spur im Rauschen". Die Parapsychologen schlagen nun folgende Beschreibung vor: Möglicherweise sind Gedanken und Anruf jeweils der Ausdruck einer zugrundeliegenden Gemeinsamkeit. Das ist eine geradezu revolutionäre Annahme, weil eine Ursache-Wirkung-Abfolge verneint wird. Dieses Modell scheint aber für das Zusammentreffen von "zufällig sehr tiefem Linienverlauf" und dem Gedanken daran in Frage zu kommen. Walter von Lucadou nennt das "Verschränktheit von Beobachter und beobachtetem Prozeß". Diese Begriffe tauchen auch in der Quantenphysik auf. Auch dort wird dem Beobachter eines Experiments ein entscheidender Einfluß auf das Ergebnis zugewiesen. Der Physik-Nobelpreisträger Brian Josephson schrieb in einem Vorwort zu einem Tagungsband über die Physik des Bewußtseins: "Parapsychische Phänomene scheinen einige unserer Annahmen über Raum, Zeit und Kausalität zu verletzen. Aber dies ist auch mit der Quantenmechanik der Fall." Harald Atmanspacher, Privatdozent am Max Planck Institut für extraterrestrische Physik in Garching, gibt allerdings zu bedenken, daß Physik für den Mainstream auch heute noch eine Theorie der Materie ist, in der die Rolle des Bewußtseins völlig ungeklärt ist. "Wenn sich aber die Ergebnisse der PK langfristig bestätigen - und manches spricht ja dafür - dann wird die Physik nicht darum herum kommen, sich damit zu beschäftigen." |
Süddeutsche Zeitung |
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