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Tour: Hören + Leben
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So viele wie nie: Gut 50.000 feiern beim Hurricane-Open-Air in Scheeßel 40
Bands in zwei Tagen So ein Dreck! |
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| Best of Hurricane
... einmal Kälte,
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Im sechsten Jahr des
Hurricane begegnet man endlich dem Festivalmythos schlechthin: dem grau verkrusteten Fan. Am Sonntagabend, als die Ärzte auf der großen Bühne ihre Liebe zu Westerland und zur fetten Elke beschwören, springt hinten auf dem Festivalgelände ein Trio - auf die Plätze, fertig, los - in den Schlammsee. Purzelbaum, Handstand, Bauchlandung. Das macht beim Zugucken schon Spaß, und Zugucken erspart das Frieren hinterher. Scheeßel 2002 ist auch ohne Schlammbad nicht nur das bislang größte, sondern auch das nasseste Festival. Da kann es passieren, dass sonntags morgens Motorenlärm ins Zelt dröhnt; dass ein Trecker einen Trecker abschleppt, der einen PKW abschleppen wollte. Der nächtliche Landregen hat die matschige Parkplatzwiese in eine Kraterlandschaft aus Matsch, Wasser und Regenwürmern mit ein paar grünen Inseln drin verwandelt. Auch auf dem Festivalgelände selbst hat die Nacht Spuren hinterlassen. Vorn verhindern Mulch und Stroh das Schlimmste. Weiter hinten muss man aufpassen, dass die Schuhe nicht verloren gehen. Ein paar einsame Schuhsohlen im Matsch beweisen, dass das gar nicht so einfach ist. Aber das macht nichts! Am Sonntag scheint nachmittags wieder die Sonne, und auf der Hauptbühne wird gerockt, dass es kracht: Such a Surge bereiten den Boden mit metallischem Crossover aus Braunschweig vor, und Soulfly, die Metalinnovatoren mit brasilianischen Wurzeln, können überraschenderweise auf einige Tausend textsichere Fans bauen. Und auch während ihrer reinen Percussion-Einlage kommen die Moshpits nicht zur Ruhe. Die Queens of The Stone Age anschließend, die schon im vergangenen Jahr auf dem Hurricane schwer beeindruckt haben, können mit einer Sensation hinter den Drums aufwarten: Dave Grohl, Ex-Nirvana-Schlagzeuger, selbst-beurlaubter Foo-Fighters-Frontmann, haut dort für ein Jahr auf die Pauke, und weiß Gott: Er kann es noch! Die Ärzte schließen sich in bewährter Entertainerqualität an, 90 Minuten lang Geschichten, Unsinn und Hits aus 18 Jahren. Das reicht aber noch nicht: Quasi als Super-Mega-Headliner des gesamten Festivals treten die Red Hot Chili Peppers an, ein Grund dafür, dass so viele wie nie dieses Festival besuchen. Die Red Hot Chili Peppers wohnen im Olymp der alternativen Musik, wahrscheinlich seit Anbeginn aller musikalischen Zeitrechnung, vielleicht auch erst seit ihrem 1991er Album "Blood Sugar Sex Magik". Leider wünscht man, sie wären in diesem Olymp geblieben. Zumindest wünscht man das, wenn man irgendwo im Mittelfeld der 50.000 Leute steht, nur auf Großbildschirm sieht, dass was passiert - Flea und Anthony Kiedis jodeln hin und wieder - , und die großen Klassiker gern hören würde, "lauter als meine Mutter NDR 2 hört!", wie ein Fan fordert. Andere Bands konnten da mehr überzeugen. Zum Beispiel die Frauen am Sonnabend: Auf der Hauptbühne hat der alternative Rock-Pop mit Frauenstimme Vorrang, mit Nelly Furtado, mit No Doubt's Power-und Poserfrau Gwen Stephanie, die ihr "I'm just a girl" gutgelaunt aus dem Gestänge des Bühnenaufbaus in die Menge singt, und mit Garbage's Shirley Manson, ebenfalls blondiert, aber eher ladylike. Im Zelt dagegen: die Deal-Schwestern Kim und Kelley mit ihren Breeders. Raue, brüchige Stimmen, viele Zigaretten, das legendäre "Cannonball" und Zwei-Minuten-Stücke wie aus einer anderen Zeit. So viele erstklassige Bands - New Order, The Notwist, Sportfreunde Stiller, ... - standen noch auf den Bühnen, dass es unmöglich ist, alle auch nur zu erwähnen. Unbedingt erwähnenswert dagegen die Fans, über die man sich jedes Jahr wieder wundern muss. Der Beobachter wundert sich, dass fast alle fast immer die Texte mitsingen - und wir reden ja nicht von Charthits! - , was auf eine unglaublich musikkundige, tolerante Fangemeinde schließen lässt. Und die Polizei wundert sich wieder einmal, wie es sein kann, dass 50.000 auf so engem Raum zwei, drei, Tage zusammenhängen, sich überwiegend von Alkohol ernähren und wirklich nichts passiert. Scheinbar reicht es, wenn alle Beteiligten freundlich sind: die Anwohner, die den Weg weisen, die Bauern, die die Autos freischleppen, die Polizei, die den Verkehr leitet und zwischendurch die Ärzte anhört. Das Entspanntsein ist so groß, da nervt ein leckes Zelt nicht länger als nötig, und selbst zeitraubenden, matschigen Freischlepp-Aktionen lässt sich letztlich was Gutes abgewinnen. Endlich weiß man, wo die Abschlepp-Öse steckt.
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HAZ - kultur 2002 |
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